Telemob | Telemob

Telelog

33. GMK-Forum in Cottbus – Software takes command

Ich bin zum ersten Mal beim GMK-Forum Kommunikationskultur, und es lässt sich spannend an. Das Motto (übernommen von Lev Manovich) bezieht sich darauf, dass Algorithmen zunehmend Auswirkungen auf das echte Leben haben. Isabel Zorn und Harald Gapski machen deutlich, dass Daten aus dem Verhalten im Internet, in den sozialen Medien, aber auch Daten aus Fitnesstrackern ausgewertet  und zur Profilierung genutzt werden, um Entscheidungen für und über die Person zu treffen, etwa ob man kredit- oder mietwürdig ist. Die Auswertungen sind laut Gapski inzwischen derart undurchsichtig, dass weder die Programmierer noch die Finanzfachleute sagen können, nach welchen Kriterien und welcher Gewichtung genau der Algorithmus die Einschätzung der Kreditwürdigkeit eigentlich vornimmt. Eine Folge:

Weiterlesen   

Interesting Times

Am Wahlmorgen musste ich unwillkürlich an Terry Pratchetts Interesting Times denken. An das Buch selbst habe ich wenig Erinnerungen, aber daß „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“ ein Fluch sein kann, blieb hängen, vor allem, weil er mit einem jugendlichen Weltbild so schön über kreuz liegt. Jederzeit hätte ich Pratchett die Erfindung des Fluchs zugetraut, allerdings kommt er wohl ursprünglich aus unserer Welt, die chinesische Herkunft scheint aber eine Urban Legend zu sein.
Wie dem auch sei, angesichts der ganzen Verschwörungstheoretiker, der AfD, Erdogan et al., dem Gesamtrechtsruck, den sich immer gräßlicher zeigenden Folgen des Kapitalismus´, Terror und Flucht deswegen, den unkalkulierbaren Folgen des Klimawandels und als Krönung des Ganzen Trump als Präsident der USA beweist er seine Gültigkeit. Nie wahr die Vorstellung eines langweiligen Lebens in tatsächlicher (d.h. existentieller, nicht vor eingebildeteten Bedrohungen) Sicherheit attraktiver. Weiterlesen   

Die wunderbare Welt des Journalimus‘ (02)

Schön, wenn sich Sachen von selbst erledigen. Christian Jakubetz (dessen Name ich mehrfach gelesen und als „wichtiger netzaffiner Journalist“ abgelegt habe, ohne dass ich jetzt mehr über ihn wüsste) hat vor Ort vom Amoklauf in München berichtet und einen Blogeintrag zu dieser Erfahrung verfasst:

Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben. Ernsthaft hätte ich nicht mehr sagen können außer: Es gab eine Schießerei, es gibt wohl Tote, nein, wir wissen nichts über den oder die Täter. Aber so kann man natürlich keine Live-Schalte bestreiten […]

Weiterlesen   

Bastion

Vor wenigen Tagen habe ich endlich, endlich Bastion durchgespielt. Bastion gehört mit Limbo, Braid und World of Goo zu den Wegbereitern der großen Indiewelle, die die Videospielwelt in eine neue Phase gespült hat: Triple A-Publisher setzen wie die Hollywoodstudios immer mehr auf Risikovermeidung, bombastische, toll aussehende Welten sollen das immergleiche Gameplay übertünchen.

Bastion packte in dieser Hinsicht den Stier bei den Hörnern und stellt gleich die Geschichte und deren Präsentation in den Vordergrund eines Action-Rollenspiels light. Dafür gab es viel Zustimmung und Begeisterung. Weiterlesen   

Deponia

Nachdem ich eine Weile Edna bricht aus gespielt habe, dachte ich immer, die Deponia-Spiele wären mal einen Blick wert, wenn ich Edna jemals zu Ende bringen würde. Dann las ich diese Kritik. Da war ich dann doch überrascht, denn bei der Gamestar war immer nur von schrägem Humor und einem Antihelden die Rede, niemals von rassistischen oder sexistischen Witzen. Deponia war für mich gestorben.
Nun gibt es Deponia Doomsday, und der Stil setzt sich offenbar nahtlos fort. Stil im Sinne von Witzen auf Kosten von Minderheiten, im Fokus diesmal wohl Transgender-Menschen, rassistische Töne gibt es eher nebenbei. Wenig überraschend wird das im Gamestar-Test wieder nicht erwähnt; und als ein Kommentator auf die RPS-Review hinwies, wurde er erwartungsgemäß niedergemacht (er hielt es  gleichzeitig für unbedingt notwendig, seine gamerbro-credibility zu schützen und sich zusammenhanglos von Thesen Anita Saarkesians abzugrenzen).

Dass in einem deutschen Spielemagazin und dessen Website vier Kritiken zu einer deutschen Spielserie erscheinen können, ohne das einem interessierten Leser ansatzweise mitgeteilt wird, wessen Geistes Kind der „schräge“ Humor ist; dass man eine britische Kritik lesen muss um davon zu erfahren; dass man natürlich niedergemacht wird, wenn man darauf hinweist; dass Redakteure sich zu einem Flüchtigkeitsfehler äußern, aber nicht auf die Kritik der Kritik reagieren – wenn man sich dann die aktuelle gesellschaftliche Situation anschaut, dann macht das klar, dass Deutschland einfach die Spiele (und Spielkritik) bekommt, die es verdient.

House & Wooster: Hugh Laurie

Zu meiner Verwunderung stelle ich fest, dass ich zur Zeit gerne House, M.D. schaue. Als die Serie lief, habe ich sie abgetan als weitere Krankenhaussoap, und der Kult um die Hauptfigur war mir zuwider. Leute mit furchtbaren Manieren, die toleriert werden, weil sie so genial sind? Andere Leute herabsetzen, um die eigene Kompetenz herauszustellen? Furchtbar. (Für reine Misanthropen, die sich lediglich am Menschsein des anderen stören, habe ich hingegen eine Schwäche).

Aber dann habe ich letzten Sommer Jeeves and Wooster gesehen, wiederum eine Serie, an der ich interessiert war, seit es in WoW einen Jeeves zu bauen gab (dessen Bauplan ich tatsächlich mal gefarmt habe, so was mache ich sonst nie) und ich so von der Existenz dieser Figur und der Romane erfuhr. In diese Fall zu faul zum Lesen, bin ich gleich auf die Serie eingeschwenkt, von der es hieß, sie sei eine kongeniale Umsetzung. Jeeves and Wooster ist tatsächlich wunderbar, wenn auch etwas formelhaft, aber das gehört in diesem Fall dazu. Stephen Fry hätte etwas mehr als das Erwartbare aus Jeeves rausholen können, aber das ist jetzt selbstzweckhaftes Herumkritteln, Jeeves and Wooster amüsiert ganz prima. Weiterlesen   

Twitter ausgelernt

Gerade ist mir aufgegangen, dass ich meine Twitter-Lernerfahrungen nicht zu Ende berichtet habe. Das lässt sich kurz nachholen: Es sortierte sich nix für mich. Eine Woche später habe ich meinen Testaccount schon gar nicht angeschaut. Wie die Leute, die Dutzenden, Hunderten folgen, das organisieren, erschließt sich mir immer noch nicht. Ich ahne, dass die Startseite von Twitter selbst dass eine oder andere vorsortiert, aber mir fehlt die Lust, dem weiter nachzugehen. Vielleicht sind die aber auch gar nicht so OCD, immer unbedingt alles lesen zu wollen.

Drauf gebracht hat mich Stephen Frys Blogartikel drüber, dass er Twitter nun verlässt. Da ich ihn erst vor drei oder vier Tagen wegen Irrelevanz für mich (zu wenig Aperçus, zu viel Petitionswerbung) entfolgt habe, glaube ich eher, dass ein Followerexodus ihm den Rest gegeben hat.

Die wunderbare Welt des Journalismus‘ (01)

Ein schlimmes Zugunglück: zwei Züge fahren auf einer eingleisigen Strecke mit hoher Geschwindigkeit mehr oder weniger ungebremst ineinander, inzwischen mindestens 11 Tote. Heute, einen Tag nach dem Unglück, weiß man noch nichts, die Ermittlungen laufen, die Medien laufen heiß (SpOn ist unter anderem dabei mit einer Fotostrecke und Minutenprotokoll zur Pressekonferenz mit Dobrindt, in der Tagesschau gestern gab es ein Handyvideo aus dem, gasp, Inneren eines der verunglückten Züge). Da will NDR Info nicht fehlen und liefert Anschauungsmaterial, wie man auf Glatzen Locken dreht: der Moderator nimmt Gerüchte in Medien auf, dass die Fehlentscheidung eines Fahrdienstleisters zum Unglück geführt haben könnten. Pflichtbewusst schiebt er – hieran erkennt man öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus – hinterher (bitte leicht gelangweilt-genervt-gedehnten Tonfall dazudenken):

„Das sind Spekulationen, sagt die Polizei, die Polizei sagt, da muss man die Ermittlungen natürlich abwarten, aber, das wäre vielleicht ja eine Erklärung für dieses Unglück. Sprechen wir mit dem Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn, mit Karl-Peter Naumann darüber, hallo, schönen guten Morgen, Herr Naumann.“ Um dann investigativ nachzuhaken: „Gehen Sie denn davon aus, dass genau dieser Fehler zum Unglück geführt hat?“ Worauf der redliche Mann von Pro Bahn sinngemäß antwortet „kann sein oder auch nicht, nichts genaues weiß man nicht, man muss die Ermittlungen abwarten“. Das geht dann noch drei Minuten so weiter. Weiterlesen   

Star Wars

Morgen startet The Force Awakens, und ich sitze hier, warte auf Kritiken und darauf, dass das Ding zerrissen wird. Als ein neuer Teil angekündigt wurde, hats mich zunächst nur ein wenig gewundert, weil es so aus dem Nichts kam. Dann setzte aber keine Vorfreude ein, sondern erst mal nur Müdigkeit: noch eine neue Runde Hyper-Hype. Dann wich die Müdigkeit Ärger, denn J.J. Abrams, der schon Star Trek kaputtgerebootet hat, darf jetzt auch bei Star Wars ran. Die zwei wichtigsten SciFi-Franchises, neu aufgelegt durch einen einzelnen Regisseur. Der Star Trek das Element, was das Franchise zu etwas Besonderem gemacht hat, nämlich die Verteidigung von Werten wie Pazifismus, Diplomatie, Humanismus, der dieser Serie, die ethisch-moralisch-philosophische Reflexionen in einer Fernseh-Space Opera untergebracht hat all dieses Rumquatsche ausgetrieben und, jawohl, durch Bombastaction ersetzt hat. Weil daran eine eklatanter Mangel herrscht im Kino. Ich kenne J.J. Abrams Werk sonst nicht, weder Lost noch Super 8, nur die Star TrekFilme, und die sind, gemessen an den Urahnen, ziemlicher Käse.

Dabei liebe ich Star Wars. Zumindest das goldene Zeitalter, das für mich mit dem Erscheinen des ersten Films endet.

Weiterlesen   

Der Hitman beim Filmdienst

Ach ach ach, dass 2015 Videospielverfilmungen den grundsoliden Filmdienst immer noch so in Schlingern bringen können. In der Rezension zur weiteren Verfilmung von Hitman ist von einem First-Person-Shooter (komplett mit Anführungszeichen) die Rede, ständig wird irgendwie Level begrifflich untergebracht, und als Anbiederung an die Spieler wird beklagt, dass man bei der Verfilmung zur Passivität verdammt sei und daher alles sehr oberflächlich daherkomme. Jörg Gerle ist eigentlich mein Lieblingsrezensent beim Filmdienst, weil er Blockbuster ernst nimmt und doch kritisch ist, weil er sich mit Animationsfilmen auskennt, und weil er sogar Filmmusiken rezensiert, etwas, von dem ich nur sehr bedingt Ahnung habe, was aber immer interessant zu lesen ist. Mit Videospielen hat ers nun nicht so, muss er ja auch nicht, aber das sollte er dann auch wissen und die ganzen Referenzen lieber bleiben lassen. Oder einfach an einen Kollegen abgeben, denn der Filmdienst beschäftigt sich dann und wann durchaus mit Film und Spiel, neulich erst mit einem Bericht über die gerade laufende Ausstellung „Film und Games. Ein Wechselspiel“ im Filmmuseum Frankfurt (kuratiert von meinem ehemaligen Dozenten Andreas Rauscher).

Besser ist da die Rezension auf rogerebert.com. Die verschiedenen Autoren, die seit Eberts Tod da veröffentlichen, sind zwar allesamt ziemliche Leichtgewichte, im Falle der Hitman-Rezension kennt der Kritiker aber wenigstens die Spielreihe und erklärt die Defizite ohne die Attitüde des enttäuschten Fanboys präziser.